Kategorie: journal

05.11.2016, Samstag: Peking

Wir haben auf der Autobahn übernachtet, zwischen anderen gestrandeten Fahrzeugen. Wie die postapokalyptischen Überbleibsel einer Karawane aus Lastwagen und wenigen PKW reihen sich die dunklen Schatten auf der unbeleuchteten Strecke aneinander, teils über die Spur stehend, in der Hoffnung aus dem Stillstand ausscheren zu können. In kurzen Momenten der Bewegung haben wir uns nachts zur nächsten Raststation vorgeschlichen. Nach einigen Stunden Schlaf warten wir in der Raststättenkantine darauf, dass das morgendliche Frühstücksbuffet fertig ist. Wir stärken uns an Gemüsen und Reis und fahren wieder los.

img_7775

Es ist kurz vor 8 Uhr und wir fahren an den toten LKW vorbei durch den smoggigen Nebel. Wir fahren irgendwann von der Autobahn ab, fahren teils über Landstraßen, die aus nicht viel mehr bestehen als einer buckligen Piste zwischen zwei Streifen Farbe und einer sich dahinziehenden Reihe von Gebäuden zu beiden Seiten.

Als wir Peking nach 26 Stunden erreichen, steuern wir nurmehr ein Stundenhotel an, dass uns für drei Stunden eine Rast und eine Dusche erlaubt, bevor wir unser Abschiedsessen nehmen. Noch ein kurzer Spaziergang durch einen Park in der Nachbarschaft. Ein bisschen Peking und Leute und Smog.

img_7786

Wir hatten vor den Tag in dieser Stadt zu genießen, jetzt haben wir leider nur diese Stunde nach der Dusche, einem kurzen Schlummer und dem Abendessen. Um 02:20 Uhr geht der Flieger zurück. Wir essen, und wie immer in China, macht das Essen alles wieder ein wenig gut.

a8c64a3a-7d69-496c-939d-ba6812325e26

04.11.2016, Freitag: Jinan – Peking

In Jinan 济南 angekommen hatten wir gestern abend noch etwas Zeit durch die nähere Umgebung unseres Hotels zu wandern, insbesondere den People’s Square und ein paar Straßen mit Nachtmarkts-Fressbuden. Jinan ist mir auf Anhieb sympathisch. Mit einem heißen Milchtee in der Hand wandere ich über das riesige Areal des People’s Square. Wie in jeder Stadt, in der wir waren, wird auch hier abends in einer Mischung aus Square Dance und Gymnastik gemeinschaftlich getanzt. Das Musikgenre ist dabei zweitrangig, von hämmerndem Sino-Techno, über erbauliche rote Märsche bis hin zu taiwanesischem Boy Group Pop habe ich schon alles gehört. In Jinan liegt das beobachtete Durchschnittsalter der Tanzenden erstmals aber deutlich näher an 20 als an 50! Andere lassen zum Zeitvertreib große Lenkdrachen steigen, die mit bunt blinkenden LEDs auch am nächtlichen Stadthimmel gut zu sehen sind (und hier wohl die Sterne ersetzen müssen). Es gibt Tai Chi Gruppen, die mit Fächern oder Übungsschwertern die anmutigen Bewegungen zusammen üben. Ältere Herrschaften (hier ist wirklich noch nie ein junger Typ zu sehen gewesen und nur sehr selten mal eine Dame) peitschen anderswo, im Wortsinne, große summende Brummkreisel über die Steine. Auch die sind mittlerweile LED-bewehrt und sausen buntblitzend herum.

img_7557

img_7582

img_7581

IMG_7605.JPG

Am heutigen Tag wollen wir noch weiter nach Peking 北京. Die Strecke ist immerhin um die 430 Kilometer weit, so dass wir nur den Vormittag für Besuche in der Stadt haben. Wir entscheiden uns für die berühmteste Quelle der Inspiration Chinas, der Bàotū Quán 趵突泉 und den nahegelegenen Dà Míng See 大明湖.

Die Geschichte der Springquelle reicht bis in die Shang Dynastie zurück von vor 3.500 Jahren zurück und wird in den rund 2.500 Jahre alten Frühlings- und Herbstannalen erwähnt, die Konfuzius zugeschrieben werden. Der Qianlong Kaiser nannte sie gar die Erste Quelle unter dem Himmel. An der benachbarten Schwesterquelle Shùyù Quán 漱玉泉 hat sich die berühmte Lyrikerin Lǐ Qīngzhào 李清照 oft niedergelassen. Nach dem Namen der Quelle hat sie ihre leider nicht mehr vollständige erhaltene, mehrbändige Sammlung von Gedichten Shu Yu Ci 漱玉詞 benannt.

img_7636

img_7648

img_7668

Die Quellen sind heute gut besucht. Eine Ausstellung von Chrysanthemen steigert den Andrang der Besucher zusätzlich zur Wettervorhersage. Es ist für das Wochenende Regen vorausgesagt und um so mehr Besucher wollen die Schönheit der Quellen und Blumen an diesem Sonnentage nutzen.

img_7699

img_7726

Wir fließen mit den Besuchern durch die Gartenräume und um die Wasserbecken herum, werden aus dem kleinen Park gespült und haben gerade noch genug Zeit dem Da Ming See unseren Besuch abzustatten. Von seinen neun Inseln besuchen wir eine. Wir setzen einfach mit der nächsten erreichbaren Fähre über und genießen die Ruhe in der Großstadt, bevor es weitergehen soll, zurück nach Peking.

img_7754

Wir haben Jinan kaum verlassen, es ist vielleicht halb 12, als wir in den Stau geraten. Wir erfahren, dass dieser 30 Kilometer lang sein soll. Schon öfter haben wir in der Stadt im Stau gesteckt, auch auf der Autobahn hat es uns schon erwischt. Wir sind nicht beunruhigt, bis unser Guide erfährt, dass Peking alle Zugangsstraßen gesperrt haben soll, da die Hauptstadt unter einem ihrer besonders schlimmen Smogs leidet.

Nach dem zweiten und dritten Stauabschnitt wird offensichtlich, dass wir Peking nicht mehr zum Abendessen erreichen. Zwischenzeitig mogeln wir uns auf der Notspur nach vorne. Wir sehen wie andere ihr Kennzeichen mit einem Pflaster versehen, um etwaige erkennungsdienstliche Aufnahmen zu vereiteln. Und, nun ja, wir legen selbst eine kleine Strecke zurück, bei der wie zufällig einer von uns vor dem Fahrzeug, einer hinter dem Fahrzeug entlangspaziert. Doch chinesische Autobahnen sind lang und haben nur wenige Abfahrten. Und keine der Alternativrouten, die wir im Internet suchen, scheint besser zu sein.

img_7759

Es wird dunkel und uns wird klar, dass wir Peking nicht mehr an diesem Tag erreichen. Zwischendurch essen wir auf einer Raststätte eine Portion Instantnudeln (für Lebensmittelchemie wirklich lecker!). Wir stranden irgendwo zwischen Jinan und Peking und haben nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft.

img_7764

03.11.2016, Donnerstag: Taishan – Jinan

Von Anfang an war der Heiligste der fünf Heiligen Berge Chinas für mich der anvisierte Höhepunkt der Reise und mir war klar, dass der 泰山 auf der klassischen Route von Tai’an aus bestiegen werden will. Die rund 1.300 Meter Aufstieg, die sich über etwa 10 Kilometer erstrecken, werden zwar durch 7.000 sehr gangbare Stufen erleichtert, sind aber auch kein nachmittäglicher Spaziergang mehr. Die schöne Natur, die überall in den Fels geschriebenen Kalligraphien und die Tempel und Klöster am Wegesrand machen es aber meist einfach, die Anstrengungen zu vergessen. Nur auf dem letzten Stück, auf den achtzehn Windungen und der Himmelsleiter, konzentriert man sich am besten auf nur den nächsten Schritt und den nächsten und den nächsten. Am Schluss, ganz oben beim Jadekaiser blickt man dann aber von 1545 Metern auf die Ebene rund um den Solitär herab.

Das Erste Himmelstor 一天门, Beginn des Aufstiegs

中天门, das mittlere Himmelstor. Halbzeit!
Unser Stärkung am mittleren Himmelstor. 油条卷饼, ein dünner Crepe mit Ei und einer aus gebackenen Teigstange.


Wir hatten leider nicht die Zeit vom kaiserlichen Hauptweg abzuweichen, sonst wären wir sicher noch zu einem der Klöster oder das Flussbett entlang gewandert. So haben wir die vielen Sehenswürdigkeiten entlang des seit dem 3. Jahrhundert unveränderten Aufstiegs genossen und heben uns die anderen für ein zweites Mal auf.
Nach unserer Tour auf den Berg fahren wir gleich weiter nach Jinan 济南, dem vorletzten Halt unserer Reise.

02.11.2016, Mittwoch: Qufu – Taian

Dieser Mittwoch steht ganz im Zeichen des 孔子, des Konfuzius. Gleich in der Nähe unseres Hotels, dass sich selbst im Grundriss
ganz bescheiden konfuzianisch gibt, können wir schon in den Tempel eintreten. Hof folgt auf Hof, Tor öffnet sich nach Tor und auf allen wird der Macht und Größe des konfuzianischen Gedanken gehuldigt. Der Tempel, dessen Keimzelle das bescheidene Drei-Zimmer-Wohnhaus des Konfuzius war, ist über die Zeiten zum größten kaiserlichen Anlage nach der Verbotenen Stadt angewachsen. Kaiser selbst sind über diese Wege geschritten und haben in großer Kalligrafie ihr Urteil über den Meister hinterlassen. Chinesen mit dem Nachnamen Kong gehen die gleichen Wege kostenlos und auch sonst darf heute jeder, der Eintritt zahlt. Nachdem Mao die Lehre in der Kulturrevolution geächtet hatte, steht Konfuzius heute wieder in hohem Ansehen, auch beim Staat.


Das Anwesen der Familie Kong ist im 14. Jahrhundert aus dem Tempelbezirk ausgegliedert worden und ebenfalls über die Jahrhunderte und den vielen Dynastischen Töpfen genährt auf eine beeindruckende Größe angewachsen. Apropos Töpfe. 180 Gänge gab es mitunter zu verspeisen, im Haus der Pietät, Sitte und Moral. Ich suche aktuell die Speisekarte. Der Clan selbst wurde in ununterbrochener Folge bis 1935 vom männlichen Erstgeborenen regiert, anders kann man es nicht nennen; und wären nicht die bekannten Wirren und eine Flucht nach Taiwan dazwischen geraten, dann wäre dem gewiss auch heute noch so.

Ich wüsste gewiss noch mehr von unserem Spaziergang durch die heiligen und die alltäglichen Gefilde diese nicht-dynastischen Dynastie, welche stabiler und dauerhafter Einfluss auf das chinesischen Geistesleben genommen hat als jeder Kaiser in der Geschichte dieses Reiches, den Gelben Kaiser vielleicht ausgenommen. Aber ich konnte den Übersetzungen unseres Guides von den Erläuterungen der chinesischen Führerin irgendwann nur noch halb folgen. Zu schön, zu verführerisch war die Friedlichkeit der großen Höfe, alten Zypressen, Tauben und Stelen.

Am Ende liegt der Friedhof. Auf dem Friedhof der Familie Kong, dem Kong Wald 孔林, wird bis heute beerdigt. An die 100.000 seiner Nachkommen haben hier ihre Ruhe gefunden. Kaum mehr als Erdhügel und eine die Stille des großen Friedens hinter der 10km langen Mauer verraten, dass es sich hier um einen Wald handelt. Sightseeing-Busse bringen Besucher auf verschlungenen Wegen von einem Ort zum anderen. Der schmucklose Grabhügel des Ahnherren liegt neben dem seines Sohnes und Enkels hinter einem von vier mythischen Steintieren bewachten Eingang. Ruhe sanft.

Als wir in Tai’an 泰安 eintreffen, haben wir noch genug Zeit, uns einmal allein auf den Weg zu machen. Wie sich herausstellt ist der Dai Miao 岱庙 gar nicht weit und mit nur 30 Yuan können wir einen Spaziergang durch die Gärten, Höfe und Hallen des daoistischen Tempels machen. Wenn wir morgen den Tai Shan besteigen, haben wir so unsere Pilgerfahrt gleich richtig begonnen. Wir gehen vom falschen Ende aus, durch den Hintereingang durch die Anlage und bewundern die Bonsai, den bronzenen Pavillion, die kleine eiserne Pagode, das wunderbare Wandbild in der Halle des Himmlischen Segens und wandern am Schluss auf der Umfassungsmauer zurück zum Hintereingang. Das hat jetzt nur uns gehört.

01.11.2016, Dienstag: Xuzhou – Qufu

Noch ein Museumstag. Berühmtester Sohn der Stadt ist Liu Bang, der die Han-Dynastie begründet hat. Wir besuchen zuerst das Xuzhou-Museum (徐州博物馆), die in den Löwenberg getriebene Grabkammer des Königs Chu Wang Ling 楚王陵 und darauf das Museum der Han Terrakotta Armee 汉兵马佣博物馆.

Im Xuzhou-Museum sind vor allem Fundstücke aus den zahlreichen Han-Gräbern in den Stadtgrenzen ausgestellt, darunter die außerordentlich schönen Jadestücke und goldenen Gürtelschnallen aus der großen Grabkammer von Chu Wang Ling im Löwenberg 狮子山楚王陵 wie auch sein aus Jadeplättchen und Golddraht gefertigtes Grabgewand. 

Jade sollte den Leichnam erhalten. Sie war so kostbar und allein dem obersten Stand vorbehalten, dass Graubräuber die 1,5 kg Golddraht aus den Ösen lösten und mitnahmen, sämtliche Jadeplättchen aber im Grab beließen, da sie praktisch unverkäuflich waren. In den Grabkammern sind heute Nachbildungen des Jadesarkophags und des Jadeleichentuchs ausgestellt.

Anschließend wandern wir durch die Ausstellung der Terrakotta Armee. Zunächst an den vier Gruben vorbei, von denen eine in Erwartung besserer Bergungsmethoden noch ungeöffnet daliegt. Später sehen wir im „Aquatic Terracotta Museum“, das unterhalb des Wasserspiegels und im See gebaut ist, einige besonders schöne Reiterfiguren und einen rekonstruierten Streitwagen. Da die Figuren hier nicht ein Kaiser-Grab begleiten, sind sie im Maßstab wesentlich kleiner als die bekannteren Soldaten aus Xi’an.

Hiernach brechen wir nach Qufu 曲阜 auf, der Heimat von Konfuzius und jahrhundertelanger Sitz der Familie Kong 孔. Zu Abend essen wir unter anderem eine Shangdong’er Spezialität: Juanbing 卷饼. In einen papierdünn auf einem heißen Blech ausgeschabten und so gebackenen Reismehl(?)-Crepe wird eine Frühlingszwiebel mit einer Chilisauce, getrocknetem salzigen Fischstücken, eingelegten Rübenstreifen und gemahlenem Sesam eingeschlagen. Nicht schlecht. Die Zwiebeln seien auch speziell in Shangdong, mehr süß als scharf und mit sehr viel weiß und wenig grün. Geschmacklich erkenne ich keinen Unterschied, sie haben aber in der Tat sehr viel mehr weißen Anteil als üblich.

31.10.2016, Montag: Kaifeng – Xuzhou

Kaifeng sei eine Stadt „dritter Größe“, sagt unser Guide, keine der größten regierungseigenen Städte und auch keine Provinzhauptstadt. Sie ist mit 4 bis 5 Millionen Einwohnern nicht klein, nicht groß, so kommt mir das dahingehende chinesische Empfinden vor.

Wir unternehmen heute eine Reihe von Besuchen bei ihren Sehenswürdigkeiten und beginnen mit der Eisenpagode Tie Ta 铁塔. Die Eisenpagode heisst wegen ihrer rostbraunen, glasierten Ziegel so, die ihr das Aussehen von patiniertem Gusseisen verleihen. Glücklich sind wir, die Sonne scheint und der Park ist fast menschenleer. Ganz ohne Eile können wir die engen Stufen im Inneren nach oben und wieder abwärts gehen. Ein Nebeneinander ist nicht möglich, Gegenverkehr geht nicht.

Nach dem Abstieg schmerzen die Oberschenkel ein wenig. Die Stufen sind steil und nicht sehr regelmäßig, das Innere der Pagode ist sehr dunkel. Nur vorsichtig lässt sich der Weg nach unten finden. Nach der Eisenpagode geht es nur noch Richtung Zukunft, kein Gebäude der Stadt ist älter. Auf dem Weg aus dem Park begegnen wir den Schauspielern wieder, die hier eine kleine historische Szene inszeniert haben. Auf einer Bühne gibt es eine Kampfkunstvorführung vor dem Song-Kaiser. (Jedenfalls nehme ich an, dass er das sein soll, im sonnengelben Ornat.)


Danach fahren wir zum Da Xiangguo Si 大相国寺, einem buddhistischen Tempel. Er ist heute sehr stark besucht, ob ein besondere Tag ist? Wir haben es nicht herausgefunden. Es sind aber viele Gläubige hier, um an allen Altären Ihre Ehrerbietung zu zeigen. Vielleicht ist es auch der nahe Markt, der für viel Zulauf sorgt, oder das die Bodhisattva Guanyin hier als tausendarmige in einem achteckigen Pavilion ihren Trost spendet, umgeben von einem Wandelgang mit über 100 Lohans. 58 Jahre soll der Künstler an einem einzigen riesigen Gingkostamm geschnitzt haben, um die Höhe Figur zur erschaffen. Nun ist sie das Herz des Tempels und Ziel sicher der Mehrheit aller Besucher hier. Davon die Meisten, die sich hier neben die Altäre gesetzt haben und kurz ausruhen, sind Frauen, alt, nicht begütert, mit gegerbten Gesichtern von harter Arbeit in der Sonne. Guanyin, im Volksglauben auch als Göttin verehrt, sieht mit ihren 1.000 Augen alles Leid und reicht mit ihren 1.000 Händen nach jeder Leidenden.

Daoistischer Zwischenstop beim Yanqing Guan 延庆观: dem kleinen achteckigen Bau wurde aufwendig ein modernes Korsett übergezogen. Auch heute hält der Jadekaiser Audienz. (Er sollte vielleicht lieber bei Guanyin zum Tee gehen. Sie hat es hübscher.)


Fehlt eigentlich nur noch eine große wichtige Religion. Das könnte jetzt der Konfuzianismus sein … der kommt morgen erst dran. Heute beschließen wir mit dem guten, alten Geld. Die Zunfthalle Shanshan Gan Hui Guan 山陕甘会馆 wurde in der Qing-Dynastie von Zunftleuten dreier Provinzen errichtet und ist auch heute noch ein kleines Schmuckkästchen an chinesischer Architektur und Schnitzkunst.

30.10.2016, Sonntag: Shaolin – Kaifeng

Wegen der 240 Kilometer weiten Fahrt nach Kaifeng ist nicht viel Zeit für weiteres Programm. Auf dem Weg besuchen wir aber das – anders kann man es ja nun wirklich nicht sagen – weltberühmte Shaolin Kloster 少林寺.

Noch heute ist das Kloster nicht nur eine (lukrative) Ausbildungsfabrik für Shaolin Kung Fu sondern ein echtes Kloster. Die Kampfkunst gilt dabei als Teil des dort praktizierten Chan-Buddhismus. Das Kloster selbst soll Ursprung dieser in Japan zum Zen weiterentwickelten Schule sein. Von den heute rund 300 dort ordinierten Mönchen sind allerdings nur rund ein Drittel Kampfmönche.

Gewiss sensationeller als das Weltkulturerbe der Tempelanlage und des Pagoden-Walds, in dem verdiente Mönche beigesetzt sind, sind die Kung-Fu-Künste. Mehrmals am Tag wird in einem eigens gebauten Theater eine Vorführung gegeben. Selbst Staatsgäste werden, dann jedoch in bzw. vor der Audienzhalle des Tempels selbst, mit Wushu unterhalten. Der Tempel und die in die Nachbarorte vertriebenen Kungfu-Schulen lehren im Jahr, so unsere lokale Führerin, 30.000 Schülern und auf einem einmal jährlich im Oktober stattfindenden Festival stellen sich alle Schulen auf einer Straßenlänge von rund 14 Kilometern vor.

Auf einer der Stelen des Kloster, der Stele der drei vereinigten Religionen, ist eine Darstellung Buddhas zu sehen, dessen Gesicht zugleich auch Konfuzius und Laotze zeigt. Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus in einer Gestalt und Spiegelbild für alle die hineinsehen.

29.10.2016, Samstag: Luoyang

Ein schöner Tag ist heute zu Ende gegangen. Wir sind als erstes zu den Longmen-Grotten 龙门石窟 gefahren. Diese liegen am Drachentor, einem Abschnitt des Flußes Yi, der hier von zwei Berghängen flankiert auf die Stadt Luoyang zufließt. Und da Luoyang einmal Kaiserstadt und der Kaiser ein Drachensohn ist, hört diese Passage seither auf den Namen Longmen, Drachentor. In der Blütezeit des Chinesischen Buddhismus (und nicht wenige würden sagen, in der Blütezeit, ja Goldenen Ära der Chinesischen Kultur) wurde die Ende der Nördlichen Wei begonnene Gestaltung der einen Flussseite mit Buddha gewidmeten Nischen fortgesetzt und zum Höhepunkt geführt. Je nach Portemonnaie der Stifter wurden kleinere oder größere Nischen in den Felsen geschlagen und innen mit einer oder tausenden Buddhafiguren gestaltet. Es gibt sogar Fälle, wo zunächst nur die Nische quasi vorreserviert wurde und weitere Stifter später die gestaltende Fortbearbeitung finanzieren sollten. Nicht immer hat das geklappt. Heute sind nach wechselvollen Jahren viele Buddhas, Bodhisattvas, Himmelswächter und Schüler teilweise oder ganz zerstört, sei es, weil die Staatsreligion den Buddhismus verfolgte (ein Kaiser der Zhou ist dadurch bekannt) oder weil die Staatsräson gleich alle alte, feudalistische und religiöse Anti-Revolutionäre Kultur tilgen wollte. Die kolonialen Sammler und Kunstliebhaber erwähnen wir hier hüstelnd am Rande. Jedenfalls haben Wetter und Erosion in über 1.500 Jahren weniger Schaden angerichtet. Nun von weitestgehend derselben Ahnen Nachkommenschaft zum Welterbe erklärt und als äußerst beliebtes Ziel des Chinesischen Tourismus ist zumindest für ein paar Jahre Ruhe. Offenbar wird auch gerade an der Erhaltung gearbeitet.


Auf der anderen Uferseite gehen wir zurück und werfen einen Blick auf das Panorama der über und über in die Seite des Berges gehauenen Nischchen, Nischen und Grotten. Wie schön muss es für die Menschen des nahen, kaiserlichen Tang-Hofes gewesen sein, hier in der abendlichen Sommerfrische und im warmen Licht der tief stehenden Sonne die tausend Gesichter Buddhas aus den Nischen leuchten zu sehen.


Diese Verquickung des Genusses mit der Andacht ist überhaupt an allen buddhistischen Orten, die wir erlebt haben, sichtbar – ähnlich wie in den großen alten Kirchen und Kathedralen und Europas mischen sich Touristen und Gläubige, sind oftmals auch ein und dieselben, einen grundsätzlicher Chinesischer Pragmatismus aber erlaubt dahingehende Rollenwechsel allerdings in ebenso eleganter wie ultraschneller Weise: Snap! Falt! Beug! Bet! Post! – Selfie, Hände falten, Kniefall, Gebet und im Aufstehen wird schon auf WeChat das Bild gepostet. Dabei, um das klar zu sagen, meine ich nicht einen Moment, dem Gebet würde Anmut, Andacht oder Inbrunst fehlen! Die Lebensbereiche scheinen hier einander einfach weniger fremd und fern, so dass ein Hin und Her zwischen Nirwana und Wahn viel leichter geschieht.

Schön ist das im Baima Si 白马寺 zu sehen. Dies ist das älteste buddhistische Kloster auf chinesischem Boden und die Legende sagt, dass, nachdem dem Kaiser im Traum ein fliegender goldener Mönch (Buddha) erschienen war, schickte er zwei Gesandte aus, die im fernen Afghanistan auf zwei indische Mönche trafen. Diese machten sich mit zwei weissen Pferden, die mit Sutras und Statuen beladen waren, nach China an den Hof. Der Kaiser lies ihnen daraufhin ein Kloster erbauen, das den beiden weißen Pferden gewidmet ist, die den Buddhismus nach China brachten. Die beiden Mönche sind auch hier begraben. Jedoch liegt ihre Ruhestätte nun außerhalb der Tempelanlage.

Auch heute ist das Kloster noch in Betrieb und ist – sowohl in touristischer, als auch natürlich religiöser Sicht in staatlicher Hand. Es steht als großes Kloster nicht nur den dort lebenden Mönchen zur Verfügung. Auch Wandermönche erhalten Verpflegung und können dort übernachten. Den größten Zulauf hat das Kloster aber durch die Touristen. In einem nicht abreißenden Fluss bahnen sie sich durch die Gasse der Fress- und Schnickschnackbuden zum Eingang, durch die Tempelhallen, staunend, fotografierend, betend, schwatzend, und wieder hinaus.


Am Nachmittag und Abends nach dem Essen, Henan-Küche, gehen wir durch das aber doch tatsächlich vorhandene Altstadtviertel. Als Spezialität der Gegend gilt hier das „Wasserbuffet“. Dieses Menü besteht aus einer Folge von Suppengerichten, von denen wir in einem familiären kleinen Restaurant eine Päoniensuppe, eine Suppe mit Pilzen und Schwein und eine mit Schweinerinnereien und Blut kosten. Die Päoniensuppe heisst zwar so, enthält aber keine Pfingstrose (die Blume der Stadt). Aus einem sehr fein aufgeschnittenen Eiercrêpe, in lange Fäden gehobeltem Wurzelgemüse und einem blättrig gewachsenen Pilz wird stattdessen eine Blüte auf der Suppe nachempfunden. Das Essen ist gut gewürzt, besonders die Päoniensuppe gut scharf. Hier kommt die Schärfe aber nicht von Chilis sondern weißem und schwarzen Pfeffer. Alle Zutaten haben ihre geschmackliche Geltung, die Konsistenzen sind vielfältig und interessant, die Suppen vollmundig und entweder flüssig oder seidig gebunden.


Zurück zur Altstadt. Wir sind heute weit und breit die einzigen Ausländer und werden von jung und alt interessiert zur Kenntnis genommen. Nachmittags überwiegen gefühlt die chinesischen Touristen. Gegen Abend, wenn die Restaurants ein paar Tische rausstellen und der Nachtmarkt aufmacht, kommt aber auch Luoyang selbst auf einen Schwatz und ein Abendessen vorbei.

PS: Neben der Tempelanlage des Baima Si wurden neuerdings, also dem Vernehmen nach in den letzten ein zwei Jahren, von Indien, Indonesien und Thailand gestiftete Klosteranlagen nach dem jeweiligen Landesvorbild gesetzt. Zum schnellen interkulturelle Vergleich ist das erbaulich, wirkt aber auf mich dennoch irgendwie … verkehrt.

28.10.2016, Freitag: Sanmenxia – Luoyang

Heute verlassen wir leider das angenehm luxuriöse 5-Sterne-Hotel (Landeskategorie) und fahren weiter nach Luoyang, nach Xi’an eine der anderen großen alten Haupstädte des Reiches. Anders als Xi’an ist es der Stadt heute nicht mehr als Anreisender anzusehen. Ab jetzt fehlt uns nur noch Nanjing, um die vier vollzumachen!

Der Tag selber ist ein Museumstag, erst besuchen wir das Stadtmuseum, später ein kleines volkskundliches Museum, das das am gestrigen Tag leider geschlossene in Sanmenxia ersetzen soll. Vielleicht ist es nur meine erkältungsinduzierte Spannungslosigkeit, aber der Reiz des ersten ist vergleichsweise gering, wenn man das Historische Museum Shaanxi in Xi’an gesehen hat. Die Exponate hier wiederholen bereits Gesehenes, außer einigen Eindrücken zur Stadtentwicklung Luoyangs, die den Wandel von einer verstreuten Besiedlung zur rechtwinkligen Planstadt zeigt, ist an den meisten Exponaten nichts neu. Allerdings können wir heute Kalligraphien sehen – in Xi’an gab es keine (oder wir haben sie übersehen), in Taiyuan waren die entsprechenden Räumlichkeiten gerade in Überarbeitung. Hier hätte ich jetzt wirklich gerne einen Experten an der Seite gehabt, um die Schönheit der Schriften noch besser  würdigen zu können.

Das volkskundliche Museum ist niedlich, in einigen wenigen Räumen werden Alltagsgegenstände und Möbel gezeigt, Hochzeitsbräuche in einem Raum mit großen Puppen und durcheinander gewürfelten Kostümen verschiedener Zeiten inszeniert. Es sind anrührende Objekte, alte, abgegriffene, bis fast zur Nutzlosigkeit verbrauchte Dinge, die hier ohne große Erklärungen aus der Zeit gefallen sind. China gibt es nicht mehr, lang lebe China. Vielleicht haben technische und politische Revolutionen des 20. Jahrhunderts kein Land so tief verändert wie dieses – außer seinem Essen, natürlich.

27.10.2016, Donnerstag: Yonglegong

Die Nacht senkt sich herab. Es ist nach sechs Uhr und wir sind auf dem Weg zu unserem nächsten Aufenthalt, 三门峡 Sanmenxia. Es ging mir heute morgen gut genug, um ein zweites Mal, aber gemächlich durch das Shaanxi History Museum zu schlendern. Beinahe hätten wir die im Untergeschoss befindlichen Ausstellungen zur Zeit der Streitenden Reiche und zur Schatzkammer der Tang Dynastie verpasst! Um so besser, das wir uns die Zeit genommen haben, noch einmal vorbeizuschauen.


Danach sollten wir eigentlich ein zweites Museum besuchen, das 西安市民俗博物馆 Xi’an Museum für Völkerkunde. Nach langer Suche und erfolglosem Fragen von Passanten standen wir leider vier verschlossenen Türen. So hatten wir aber wenigstens noch einen Spaziergang an der Stadtmauer entlang.


Ein Zwischenstop an einer Autobahnraststätte verschafft mir wenigstens nach Xi’an noch eine kleine, würzige nordchinesische Geschmacksprobe, die mir trotz Erkältung schmeckt: 肉夹馍 ròujiāmó! In einem außen knusprigen, innen weichen Hefebrötchen steckt würziges und zartes Fleisch.


Vorbei an chinesischer Naturschönheit (bitte imaginieren Sie hier ein riesiges AKW, dass ich allerdings nicht posten kann, weil das wahrscheinlich unter Landesverrat fällt) steuern wir die letzte Attraktion des Tages an. Auf etwa halber Strecke liegt der 永乐宫 Yongle Gong, ein daoistischer Tempel der ursprünglich im Überschwemmungsgebiet der ersten Staumauer am Gelben Fluss lag und zu seinem Erhalt an seinen heutigen Standort versetzt wurde. Die wunderschönen Wandgemälde (keine Fresken, die Farbe wurde auf die trockene Wand gebracht) dürfen leider nicht fotografiert werden.


Die erste Halle zeigt an den Wänden den Himmlischen Kaiser mit Gemahlin, die Göttin des Westens mit Gemahl und weitere hohe und niedrigere Vertreter des daoistischen Pantheons. Zu seiner Verehrung sind die drei Erscheinungsformen Laotzes aufgestellt. Ähnlich wie der Buddha der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat auch der alte Meister drei Emanationen. Dieses Dreieinigkeitsding ist ziemlich beliebt beim Göttlichen …

Hungrig, müde und abgespannt fahren wir jetzt über kurvenreiche Landstraßen nach Sanmenxia. Ich hoffe, mein Appetit kehrt bis zur Ankunft zurück.