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29.10.2016, Samstag: Luoyang

Ein schöner Tag ist heute zu Ende gegangen. Wir sind als erstes zu den Longmen-Grotten 龙门石窟 gefahren. Diese liegen am Drachentor, einem Abschnitt des Flußes Yi, der hier von zwei Berghängen flankiert auf die Stadt Luoyang zufließt. Und da Luoyang einmal Kaiserstadt und der Kaiser ein Drachensohn ist, hört diese Passage seither auf den Namen Longmen, Drachentor. In der Blütezeit des Chinesischen Buddhismus (und nicht wenige würden sagen, in der Blütezeit, ja Goldenen Ära der Chinesischen Kultur) wurde die Ende der Nördlichen Wei begonnene Gestaltung der einen Flussseite mit Buddha gewidmeten Nischen fortgesetzt und zum Höhepunkt geführt. Je nach Portemonnaie der Stifter wurden kleinere oder größere Nischen in den Felsen geschlagen und innen mit einer oder tausenden Buddhafiguren gestaltet. Es gibt sogar Fälle, wo zunächst nur die Nische quasi vorreserviert wurde und weitere Stifter später die gestaltende Fortbearbeitung finanzieren sollten. Nicht immer hat das geklappt. Heute sind nach wechselvollen Jahren viele Buddhas, Bodhisattvas, Himmelswächter und Schüler teilweise oder ganz zerstört, sei es, weil die Staatsreligion den Buddhismus verfolgte (ein Kaiser der Zhou ist dadurch bekannt) oder weil die Staatsräson gleich alle alte, feudalistische und religiöse Anti-Revolutionäre Kultur tilgen wollte. Die kolonialen Sammler und Kunstliebhaber erwähnen wir hier hüstelnd am Rande. Jedenfalls haben Wetter und Erosion in über 1.500 Jahren weniger Schaden angerichtet. Nun von weitestgehend derselben Ahnen Nachkommenschaft zum Welterbe erklärt und als äußerst beliebtes Ziel des Chinesischen Tourismus ist zumindest für ein paar Jahre Ruhe. Offenbar wird auch gerade an der Erhaltung gearbeitet.


Auf der anderen Uferseite gehen wir zurück und werfen einen Blick auf das Panorama der über und über in die Seite des Berges gehauenen Nischchen, Nischen und Grotten. Wie schön muss es für die Menschen des nahen, kaiserlichen Tang-Hofes gewesen sein, hier in der abendlichen Sommerfrische und im warmen Licht der tief stehenden Sonne die tausend Gesichter Buddhas aus den Nischen leuchten zu sehen.


Diese Verquickung des Genusses mit der Andacht ist überhaupt an allen buddhistischen Orten, die wir erlebt haben, sichtbar – ähnlich wie in den großen alten Kirchen und Kathedralen und Europas mischen sich Touristen und Gläubige, sind oftmals auch ein und dieselben, einen grundsätzlicher Chinesischer Pragmatismus aber erlaubt dahingehende Rollenwechsel allerdings in ebenso eleganter wie ultraschneller Weise: Snap! Falt! Beug! Bet! Post! – Selfie, Hände falten, Kniefall, Gebet und im Aufstehen wird schon auf WeChat das Bild gepostet. Dabei, um das klar zu sagen, meine ich nicht einen Moment, dem Gebet würde Anmut, Andacht oder Inbrunst fehlen! Die Lebensbereiche scheinen hier einander einfach weniger fremd und fern, so dass ein Hin und Her zwischen Nirwana und Wahn viel leichter geschieht.

Schön ist das im Baima Si 白马寺 zu sehen. Dies ist das älteste buddhistische Kloster auf chinesischem Boden und die Legende sagt, dass, nachdem dem Kaiser im Traum ein fliegender goldener Mönch (Buddha) erschienen war, schickte er zwei Gesandte aus, die im fernen Afghanistan auf zwei indische Mönche trafen. Diese machten sich mit zwei weissen Pferden, die mit Sutras und Statuen beladen waren, nach China an den Hof. Der Kaiser lies ihnen daraufhin ein Kloster erbauen, das den beiden weißen Pferden gewidmet ist, die den Buddhismus nach China brachten. Die beiden Mönche sind auch hier begraben. Jedoch liegt ihre Ruhestätte nun außerhalb der Tempelanlage.

Auch heute ist das Kloster noch in Betrieb und ist – sowohl in touristischer, als auch natürlich religiöser Sicht in staatlicher Hand. Es steht als großes Kloster nicht nur den dort lebenden Mönchen zur Verfügung. Auch Wandermönche erhalten Verpflegung und können dort übernachten. Den größten Zulauf hat das Kloster aber durch die Touristen. In einem nicht abreißenden Fluss bahnen sie sich durch die Gasse der Fress- und Schnickschnackbuden zum Eingang, durch die Tempelhallen, staunend, fotografierend, betend, schwatzend, und wieder hinaus.


Am Nachmittag und Abends nach dem Essen, Henan-Küche, gehen wir durch das aber doch tatsächlich vorhandene Altstadtviertel. Als Spezialität der Gegend gilt hier das „Wasserbuffet“. Dieses Menü besteht aus einer Folge von Suppengerichten, von denen wir in einem familiären kleinen Restaurant eine Päoniensuppe, eine Suppe mit Pilzen und Schwein und eine mit Schweinerinnereien und Blut kosten. Die Päoniensuppe heisst zwar so, enthält aber keine Pfingstrose (die Blume der Stadt). Aus einem sehr fein aufgeschnittenen Eiercrêpe, in lange Fäden gehobeltem Wurzelgemüse und einem blättrig gewachsenen Pilz wird stattdessen eine Blüte auf der Suppe nachempfunden. Das Essen ist gut gewürzt, besonders die Päoniensuppe gut scharf. Hier kommt die Schärfe aber nicht von Chilis sondern weißem und schwarzen Pfeffer. Alle Zutaten haben ihre geschmackliche Geltung, die Konsistenzen sind vielfältig und interessant, die Suppen vollmundig und entweder flüssig oder seidig gebunden.


Zurück zur Altstadt. Wir sind heute weit und breit die einzigen Ausländer und werden von jung und alt interessiert zur Kenntnis genommen. Nachmittags überwiegen gefühlt die chinesischen Touristen. Gegen Abend, wenn die Restaurants ein paar Tische rausstellen und der Nachtmarkt aufmacht, kommt aber auch Luoyang selbst auf einen Schwatz und ein Abendessen vorbei.

PS: Neben der Tempelanlage des Baima Si wurden neuerdings, also dem Vernehmen nach in den letzten ein zwei Jahren, von Indien, Indonesien und Thailand gestiftete Klosteranlagen nach dem jeweiligen Landesvorbild gesetzt. Zum schnellen interkulturelle Vergleich ist das erbaulich, wirkt aber auf mich dennoch irgendwie … verkehrt.

  1. Was bedeutet denn die Neptungabel auf dem Dach? Hoffentlich ist die Erkältung so weit gebessert, dass du das Essen geniessen konntest 🙂

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