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23.10.2016, Sonntag: Pingyao – Linfen

Wer nach China reist und chinesisches Essen meidet, der verpasst die Hälfte des Landes, des Lebens und des Vergnügens. Natürlich gibt es deshalb zum Frühstück auch keinen pappigen Toast,sondern 牛肉汤削面.

Pingyao ist eine Stadt, die man aus Peking in drei Stunden mit dem Schnellzug erreicht. Das, ihr gutes Essen und die reizenden altertümlichen Gassen ziehen viele Hauptstädter am Wochenende hierher und auch sonst richtet sich die wachsende Reiselust der Chinesen auf Kleinodien wie diese. Gleich als erstes bemerkt unser örtlicher Führer und Einwohner, dass es sehr ruhig sei, vergleichsweise. Und in nudelgestärkter guter Morgenstimmung, trotz verhangenem Himmel, schlendern wir durch die Gassen ohne uns groß zu drängeln oder zu drängen. Bei Tageslicht ist es gleich ruhiger und wir verschaffen uns einen ersten Überblick auf der Stadtmauer. Leider beschallen andere Fremdenführer ihre Gruppen elektronisch über Headset und plärrige Plastelautsprecher. Hat man diese abgehängt wird es auf Mauer ruhiger. Zur Innenseite der Mauer gibt es keine hohe Befestigung, so dass diese zu Reisezeiten und Feiertagen mitunter für den Besuch gesperrt ist, zu leicht fällt jemand herunter. Zur Aussenseite ist sie konfuzianisch zinnenbewehrt. Sie besitze nämlich 77 größere Türmchen, die für die 77 herausragenden Schüler des 孔子 stehen, und 3.000 normale Zinnen, für die übrigen Schüler.


Wir blicken von der Mauer in die innere Stadt und ich frage nach den Bewohnern. Ist dies ein beliebter Teil Pingyaos? Nur wenige Grundstücke der Altstadt sind in privater Hand, deswegen wohnen vornehmlich arme Leute dort, die sich nur eine Mietwohnung leisten können. Wer nur irgend kann, kauft sich eine Wohnung und das dann naturgemäß außerhalb der alten Stadtmauer.


Wir gehen weiter zur ältesten Halle eines Konfuziustempels und ist noch in regem Gebrauch. Diese steht tatsächlich nicht in Qufu 曲阜, seinem Geburtsort, sondern hier. Jedes Jahr im Juni, wenn die Nationalen Hochschulaufnahmeprüfungen Gao Kao 高考 stattfinden und alle chinesischen Abiturienten miteinander um die oberen Ränge, und damit den Zugang zu den besten Universitäten, wettstreiten, hinterlassen Eltern und Schüler eine hölzernen Fürbitte-Plakette im Tempel, mit dem Zeichen 魁 kuí – nichts weniger als die außergewöhnliche Führerschaft, Größe, der erste Platz wird erfleht. Unser Reiseführer erzählt, dass er selbst hinter der großen Halle vor zwanzig Jahren zur Schule gegangen ist und dort auf der Hinterwand, die übermannsgroße Kalligraphie dieses Zeichens gesehen hat. Es geht die Sage, dass wenn einmal ein Mensch aus Pingyao es zum Anführer der Nation bringe, sich eben dort ein großes Tor in den Tempel öffnen werde. Bislang ist das Tor noch von der Kalligraphie verborgen und unser Führer dreht ihr den Rücken, um uns zur nächsten Sehenswürdigkeit zu bringen.


Nach dem Tempel besichtigen wir die alten Amtsgebäude des Landskreises, ein Labyrinth aus Höfen zwischen Gefängnisanlagen, Beamtenzimmern, Plätzen für Kommandos an die Soldaten, Folterkammern und viele Räume und Häuser mehr. Wir beenden den Rundgang auf einem Gerichtshof, wo das Publikum eine kurze Gerichtsszene beklatscht. Ohne ein Wort zu verstehen, glaube ich doch auszumachen, dass sich dort ein nicht so begüterter Angeklagter mit Schneid und Gerissenheit gegen einen Bonzen surchgesetzt hat. Aber ich kann mich auch täuschen. Im Anschluss das Bankhaus Rishengchang (日升昌票号). Den begüterte Kunden des Hauses stand ein Empfangsraum mit Liege zum Opiumgenuss zur Verfügung, Die ursprüngliche Tuchfärberei wurde im Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer der ersten und sehr erfolgreichen Wechsel-Bänke Chinas. Es gab jede notwendige Infrastruktur und einigen Komfort: Küchen, Wohnräume, Arbeitsräume, Räume für die Kundenberatung und die Buchhaltung, für Manager und Vizemanager. Die Wechselbank des Förderlichen Sonnenaufstiegs1 war ein überaus modernes Unternehmen! Grosskunden in den Empfangsraum eine Opiumliege zu stellen ist allerdings ein in Vergessenheit geratenes Serviceangebot.


Auf dem Weg nach Linfen 临汾 machen wir noch zweimal Halt. Der erste am Shuanglin Tempel 双林寺, der zweite wird uns zum Stammsitz der chinesischen Fugger führen, der Familie Wang. Am Tempel scherzt die örtliche Führerin, sie mache heute keine Führungen für Waiguoren, also Ausländer. Wahrscheinlich verschnupft sie die Kühle und auch unsere Ankunft zur Mittagsstunde. Es war aber wohl nur ein Scherz, sie bgleitet uns trotz unserer Fremdländischkeit und weist uns den Weg unter den Augen der insgesamt über 1.600 Lehmfiguren, die das Leben des Buddha darstellen, seine Schüler und Verkörperungen und mehr. Das Kloster und die wunderschönen Skulpturen sind aus der Ming-Dynastie und werden von den heute noch gesprochenen Gebeten hoffentlich mindestens weitere 500 Jahre erhalten. Manche Figur hat schon sehr gelitten.


Ein Erweckungserlebnis anderer Art erwartet uns am Hofe der Familie Wang 王家大院. Die Fläche des Hofes, also eigentlich dreier jeweils von einer eigenen Aussenmauer umschlossenen Hofanlagen, nimmt es mit der bebauten Fläche der Verbotenen Stadt auf und kann dem kaiserlichen Prunk imperiale Kaufmannsbürgerlichkeit entgegensetzen. Dies ist kein Hof, hier hat eine Familie ihre kleine Stadt samt Restaurants, Teehäusern, Empfangs- und Gästeräumlichkeiten, Privatschulen und Bücherei niedergelassen und sich in geschmackvollster Gestaltung eingerichtet. Die Wohnhöfe gleichen sich in ihrem Zuschnitt zwar, dem nordchinesischen Wohnhof, die Gesamtanlage aber ist so einzigartig wie vor allem ihre ausgesuchten Details.


  1. So will ich den Namen mal als Laie übersetzen … 
  1. Ganz wunderbar. Ich fühle mich als Mitreisende. Und die Fotos!

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