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22.10.2016, Samstag: Taiyuan

Wir brechen heute zum Shānxī Museum (山西博物馆 Shānxī Bówùguǎn) auf und verbringen dort den Vormittag. Das Museum überrascht mit einem umfassenden Blick auf die Provinz und die dort entstandenen, streitenden und untergehenden Kulturen und Dynastien. Von prähistorischen Zeiten bis zur Qing-Dynastie, von Münzen über Skulpturen, Gefäßen, Oper, Architektur, Frescen, Jade, Keramik und Porzellan wird alles gezeigt, was das Erdreich und ehemalige Besitzer herzugeben hatten oder bereit waren. Nur die Kalligraphie-Abteilung war leider geschlossen, wegen Umbaus.

Der katastrophale Verkehr von letztem Abend hat sich Gottseidank beruhigt und wir kommen nach dem Museumsbesuch gut durch die Stadt und den strömenden Regen. Es werden im Moment U-Bahnstationen gebaut und die Stadt steht spätestens, wenn die Pendler nach Hause wollen. Steht und hupt und stinkt. Heute geht es in der Morgenstunde zähflüssig bis fliessend zum Jin Ci 晋词, einer Anlage, deren Ursprung über 1.000 Jahre zurückreicht. Hier dreht sich alles um das Thema Wasser, das Fliessen und die Kraft der Mutter. Unsere chinesische Mutter (aka Fremdenführerin) nimmt sich nur wenig Zeit und fliesst, so eben unser Guide übersetzt hat, weiter zur nächsten Attraktion. Ich höre nur noch halb hin oder bleibe zurück, um mir die Menschen wegzudenken.

Auf der linken Seite des Hauptgebäudes, der Halle der heiligen Mutter, unweit des Quells des Verhinderten Alterns, soll vor 3.000 Jahren eine Lebensbaumzypresse gepflanzt worden sein, die auf der anderen Seite des Tempels ihren Partner fand. Irgendwann ist der Baum gestorben. Vielleicht haben die Wurzeln das heilsame und niemals kalte Wasser nicht erreichen können. Jedenfalls neigte sich seitdem der zweite Arborvitae Orientalis in Trauer über den Tempel, dorthin wo der Freund einst stand. Der sich gen Süden windende Stamm sieht aus wie ein sich zur Ruhe bettender Drache, weswegen er auch unter dem Namen 卧龙柏 Wòlóngbǎi,Schlafender-Drache-Zypresse, berühmt ist. Seine in Holz geschnitzten Brüder und Schwestern dürfen nicht ruhen, schlängeln sich fauchend um die Säulen der Haupthalle und sehen aus, als wollten sie die Touristen verjagen. Nachts kommen sie herunter und baden im Wasser der Quelle, um genauso alt zu werden, wie der Schlafende Alte. Und das ist so wahr, wie 3.000 Jahre lang sind.

Bevor wir weiter nach Pingyao 平遥 reisen, steigen wir eine Treppe hinauf und steigen auf zur Grotte, die oben im Berghang von einem kleinen Tempelgebäude beschützt wird. Hier hat eine Wassergöttin ihr Bildnis. Hinter Gittern ist sie kaum zu sehen. Eine schwarze, rote Aureole ist um sie herum. Schwarz, Yin, dunkel. Eine Wassergöttin ist kein nur freundliches Wesen, denke ich mir. Ein letzter Blick von der Terrasse des Lesens auf den Schlafenden Drachen und seine Traurigkeit und wir fahren mit der Hoffnung, hier einmal länger verweilen zu dürfen.

Pingyao. Wir parken außerhalb der Stadtmauer und werden von einer lauten Frau in einer vierbänkigen, überdachten aber sonst offenen Tourikutsche abgeholt, die uns im Regen zum Hotel surrt. Fast jedenfalls. Irgendwo in den engen Hintergassen der Altstadt müssen wir mit den Koffern alleine weiter, da kreatives Parken eine Weiterfahrt verhindert.

Wie ich später weiß, als ich drei der vier Hauptstraßen nach dem Abendessen ablaufe, war das das beste Entree, das uns passieren konnte, jedenfalls im Vergleich mit einer Ankunft über eine dieser Krawallschneisen.

Wo immer Menschen reisen, um ein Stück Vergangenheit zu sehen, werden die interessantesten Straßen mit billigem Plunder, schlechtem Essen, lauten Restaurants, Bars und noch mehr billigem Plunder vollgestopft. Das speziell chinesische dabei ist die Lautstärke und die Effizienz des Eigenmarketings. Da werden monotone Tonbänder in Endlosschleife gespielt, die bis in alle Ewigkeit die Speisen des Restaurants herunterleiern oder heraufkrakelen, wenn nicht gar die Verkäufer noch selbst lärmen, lustlos, monoton, automatisch, sobald ein in Tourist gekleidetes Portemonnaie des Wegs kommt. Also fasst die ganze Zeit. Oder wie die Okarina-Verkäuferin, die ihren Lebenshass zu recht in den Tonkörper bläst und die noch ahnbar liebliche Melodei durch einen billigen Plasteverstärker endgültig in tonale Agonie verwandelt. Oder Trommelverkäuferinnen und Verkäufer, die modernen Sino-Pop mit dem immer gleichen Badumm-dibidi-bumm untermalen (verstärkt natürlich). Die kennen wir schon in ungleich größerer Zahl aus Lijiang und Dali. Entweder der Trommelhype hat abgenommen oder die hüfthohen Trommeln haben bei Reisenden doch nicht den erhofften Absatz gefunden. Verrückt.

So aber kommen wir aus dem Hinterhalt an. Graue enge Gassen, ein wenig Müll, Elektroräder, Mofas, Fahrräder, ein paar davon gewiss kaputt. Eine Plastikwanne mit Gemüse, einfach hier abgestellt zwischen den eintönig grauen Ziegelmauern, mit denen die Häuser uns die Rücken, Seiten und Höfe zukehren. Ein Durchgang öffnet sich nach einigem rechtwinkligen Zick und Zack und bevor wir die Ungnade der Schundhölle erfahren, in die wir eben geraten, biegen wir auf das Gasthaus zu und treten zwischen den roten Fischlaternen ein. Der Straßenlärm verlischt und das Summen des Gastraums empfängt uns, hinten das laute Geschäft der Küche, eilige Kellnerinnen und Kellner, essende Gäste, die entspannt die Schalen leeren, die ihnen gebracht werden. Hier werden wir wohnen, hinten im Labyrinth der Hinterhöfe in einem kleinen Raum mit einem großen Bett. Hier essen wir zu Abend und kommen an. (Spezialität dieser Mahlzeit und offenbar zur regionalen Küche gehörig ist die „Gebratene Oma“, bei der Nudelröhren aufrecht nebeneinander in einem mit Pickles gesäuertem braunen Fleisch-Sud gegart werden. Es schmeckt ein bisschen wie „Rouladen-Penne“. Lecker.)



Später, auf dem in den warmen Raum gebauten Podestbett, dass einem Kang ähnelt, in dem kleinen Raum, in einer kleinen Gasse des Gasthauses, dass in der alten Stadt Pingyao steht, singt uns die Wassergöttin in den Schlaf, mit dem Klang des Regens auf grauen kalten Ziegeln.

  1. „… ein in Tourist gekleidetes Portemonnaie“ *lach* Wird der Quell des verhinderten Alterns eigentlich auch in Fläschchen verkauft, ein Schlückchen für die alternden Mütter junger Touristen?

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