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21.10.2016, Freitag: Wutai Shan – Taiyuan

Pusa Ding 菩萨顶, Luohou Si 罗睺寺, Xiantong Si 显通寺 sind heute unsere Ziele auf dem Wutai Shan. Der Ort steht voller Hotels – mehr als nötig wären, sagt der Guide. Entlang der Hauptstraße reihen sich Devotionalien- und Souvenirgeschäfte, ohne dass ich wirklich unterscheiden kann, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Als wäre Rom in den Harz gefallen und dabei irgendwie stark sinisiert worden.

Die zahlreichen Klöster, die sich auf Berg und Tal verstreut haben, locken gleichermaßen Pilger wie auch Touristen an. Letztere kommen aber in weit größerer Zahl und bunterer Kleidung. Wir beginnen bei dem höchsten Tempel, der zugleich Zentrum des hiesigen Lamaismus ist und spazieren vom oberen, also hinteren Tor die Achse der palastähnlichen Klosteranlage entlang bis wir es am Eingangstor auf die 108 Stufen hinaus verlassen werden.

Ein Mann mittleren Alters fragt mich irgendwann freundlich, auf Englisch, woher ich sei, er sei aus Japan. Wir unterhalten uns kurz über den Weg nach Wutai Shan, er komme von Taiyuan mit einem Taxi, 400 Renminbi für 200 Kilometer, dass wäre nicht schlecht, oder? Um uns herum gehen andere zum nächsten Gebet oder nächsten Foto. Wir trennen uns freundlich und treiben wieder auseinander, gehen augenblicklich wieder unter zwischen den Besuchern und den Besuchten. Die bunten und prunkvollen Statuen des tibetischen Buddhismus aber bleiben mit ihren jenseitigen Geschäften beschäftigt und blicken über dargebrachte Früchte, Wasserflaschen, Bonbons, Haferflocken hinweg in ihre eigene Welt. Nur die ab und an sich zeigenden Mönche in braunen, gelben, roten oder grauen Roben scheinen die Wege zwischen der einen zur anderen Welt zu kennen, so allein wie sie in dem Trubel wirken.

Als wir das erste Kloster gerade verlassen haben, fragt auf den Treppen ein Mönch von dreien, woher wir kämen. Als er erfährt, dass wir aus Deutschland sind, bittet er darum, sich Euromünzen ansehen zu können. Er bekommt ein 50 Cent Stück und dreht es interessiert hin und her. Darf ich auch? gibt der zweite zu verstehen und bekommt ein 2-Euro-Stück, mehr ist nicht im Portemonnaie. Der erste fragt, ob er das behalten könne? Na klar. Der zweite gibt seines zurück – und soll es gerade deshalb auch behalten. Ist die Münze mit der 50 weniger wert als die andere? will Nummer eins wissen und wirkt, als fühle er sich ein bisschen übers Ohr gehauen.
Der Guide rechnet den dreien lachend vor, was das Geld wert wäre, könnte man es hier überhaupt tauschen. Und so schlägt sich der dritte Mönch lachend aufs Bein.

Wie auf ein Mal bin ich ich durch alle Klöster hindurch, und es kommt mir vor, als wäre ich durch ein paar Träume geträumt ohne wirklich einzuschlafen, ohne wirklich zu erwachen.

Auf dem Weg nach Taiyuan machen wir im strömenden Regen einen Zwischenstopp beim Foguang Kloster 佛光寺. Mitten im Nirgendwo hat sich seit über 1.000 Jahren eine eindrucksvolle hohe Halle erhalten, in denen die heiligen Figuren Gesichter der Tangzeit tragen. Ich widerstehe (meistens) dem Drang die Figuren zu fotografieren, bei den Luohan an den Seitenwänden kann ich es aber nicht lassen. Diese seligen Nachfolger Buddhas auf Erden sitzen wie Zuschauer eines lang erwarteten Theaterstückes auf den Rängen und scheinen sich fast alle auch recht gut zu unterhalten! Wahrscheinlich steckt im Zuschauen die Erleuchtung.

  1. “ Als wäre Rom in den Harz gefallen und dabei irgendwie stark sinisiert worden.“ Danke. Jetzt kann ich es mir SEHR gut vorstellen *ggg* Die Luohan an den Seitenwänden sind ja auch nicht ohne Ähnlichkeit mit einem römischen Senat, nicht?

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