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20.10.2016, Donnerstag: Datong – Wutai Shan

Uns hat das gute Wetter verlassen, der Himmel hat sich zugezogen. Unser Abschied von der Neun-Drachen-Mauer ist kurz und im einsetzenden Nieselregen kommen wir am Hängenden Kloster 悬空寺 am Hengshan 恒山 an.


Wetter, Uhrzeit und Nebensaison sei Dank sind nur wenige Touristen da. Als Li Bai den gewundenen Weg hochgewandert kam, schrieb er: 壮觀! Zhuàngguān! und setzte dem Schriftzeichen zhuàng noch einen Punkt hinzu. Nicht nur grandios, sondern mehr als grandios!

Das auf in den Felsen getriebenen Bohlen und Stützen ruhende Kloster hängt wie eine Familie von Schwalbennestern unter einem Felsvorsprung. Jedes Nest ist eine kleiner Gebetsraum, Pavilion, Miniatur-Halle und Andachtspalast und beherbergt nicht nur Buddha und Gefolge, sondern auch in Dreieinigkeit Buddha, Meister Lao und Meister Kong.

Im Tempel angekommen führen die engen beschlagenen Holzstiegen auf und ab zu den Balkonen und Gängen an den Räumen entlang.
In einem Augenblick sind keine anderen Menschen mehr in Sicht und ein tiefer Atemzug vertreibt das Jetzt.

Noch entrückter muss sich der gefühlt haben, der aus diesen Nestern herab auf den Fluss und sich im Wind wiegende Bäume geschaut hat, bevor er zum Gebet in das Halbdunkel eingetreten ist, aus der kleinen in die größere Stille. Ein Atemzug später reihe ich mich wieder ein und spaziere im chinesischen Gänsemarsch weiter und bin froh, dass wir die unten auf dem Parkplatz anlandenden Menschenameisen hinter und nicht vor uns haben.


Auf den Weg zurück, nach einem Essen, halten wir in Yingxian an der größten Holzpagode in alter, ungenagelter Bauweise. Leider darf man nur das erste Stockwerk betreten. Noch geblendet vom Tag sehe ich nur Schwärze bis sich nach und nach elf Meter über mir aus einem goldenen Gesicht ein Blick unverwandt auf mich richtet. Im Hängenden Kloster begrüßt einen Buddha in den kleinen Räumen zu intimer Zwiesprache und lädt einen ein in die Zuflucht. Hier blickt Buddha dich an.

Weiter, weiter zum Wutai Shan. Durch Regen und Nebel fahren wir hinauf durch die Berge. Lastwagen kommen uns entgegen. Es geht an verlassenen und nicht verlassenen terrassierten Feldern vorbei, an einer Handvoll Häusern die zum einen Teil noch von Menschen und zum anderen Teil von Bäumen bewohnt ist. Lastwagen, Lastwagen. Langsam geht es wieder hinab und wir fahren durch Terassen und an Erosionsklüften vorbei auf Xinzhou zu. Hochhausriegel an Hochhausriegel stehen militärisch Spalier und warten auf Zukunft.

Ein Transporter überholt uns auf der linken Seite, nein, bleibt gleichauf, mitten in der Stadt. Der junge Fahrer kurbelt über den Beifahrersitz gestreckt das Fenster herunter. Von fahrendem Auto zu fahrendem Auto versucht er unserem Guide Eintrittskarten zu verkaufen. “我不要了!我不要了!” lehnt der entschieden das Geschäft ab. „Will ich nicht! Brauch ich nicht!“ Als wir die Stadt verlassen und wieder in die Berge fahren, sehe ich im eisigen Nebel auf einem gefährlich steilen Grat einen Schäfer mit seiner großen Herde.

In China hat Buddha seine Wiege in diese Gegend gestellt. Mir scheint die Lehre vor allem dort gehört zu werden, wo das Leben aus sehr, sehr viel Müssen besteht. Wie lustig, dass unsereins so oft an überviel Könnte verzweifelt.

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